Anders lernen in QuebecUnterricht in Deutschland und Kanada im VergleichStichwort «Pisa-Test»: Deutsche Schüler haben miserabel abgeschnitten im internationalen Leistungsvergleich. Ganz im Gegensatz zu Ländern wie Finnland, Südkorea oder Kanada, die in allen getesteten Disziplinen wie Lesen oder Mathematik und Naturwissenschaften unter den Ersten zu finden sind. Was machen diese Länder anders? Die Morgenpost hat sich mit drei Schülern des Tegeler Humboldt-Gymnasiums unterhalten, die eine Zeit lang verschiedene Schulen in Kanada besucht haben. Sebastian Schweinfurth (17) und Anke Cordes (18) sind knapp vier Monate auf das John Abbott College im kanadischen Quebec gegangen - eine Schule mit etwa 5000 Schülern, die mit einer gymnasialen Oberstufe in Deutschland vergleichbar ist. Björn Schwarz (18) kehrte vor einem halben Jahr von einem Schüleraustausch aus Kanada zurück. Ein Jahr lang ging er auf das Carman Collegiate mit 400 Schülern im ländlichen Manito. Im Gespräch mit Morgenpost-Redakteurin Christa Beckmann ziehen die drei Vergleiche zwischen dem deutschen und dem kanadischen Schulalltag. Sind kanadische Schulen besser? Anke: Sie sind zumindest besser ausgerüstet. Als ich das erste Mal in die Schule in Quebec kam, ist mir sofort die tolle Ausstattung mit Computern aufgefallen. Da gab es einen Computerraum mit schätzungsweise 100 Computern, an denen alle Schüler von früh bis abends 22 Uhr arbeiten durften. Sebastian: Und das waren keine alten Dinger wie bei uns. Wir haben in unserem Computerraum für Schüler nur etwa 20 Geräte stehen. Wenn man da mal ran will, geht das oft nicht, weil der Raum von anderen Klassen besetzt ist. Björn: Selbst an der kleinen Schule, wo ich war, gab es drei Computerräume mit fast 70 Rechnern. Außerdem standen Geräte in den Fachräumen und in der Bibliothek. Und wie unterscheidet sich der Unterricht? Björn: Es gibt in den einzelnen Fächern viel mehr Kurse mit unterschiedlichem Leistungsniveau. In Mathe zum Beispiel gab es einen Grundkursus, dann einen Kursus in angewandter Mathematik und dann einen Kursus mit mehr Theorie, wie bei uns. Ich hab die zwei Letzteren belegt. Da konnte ich eine Aufgabe immer von der theoretischen und der praktischen Seite beleuchten. Sebastian: Wenn hier bei uns in Mathe Ableitungsregeln auf dem Plan stehen, dann beschäftigen wir uns allein eine Stunde damit, die Regel zu beweisen. In Kanada halten die sich mit dem Beweis gar nicht auf, da geht es gleich um die Anwendung. Und das ist ja auch das, was man wirklich braucht. Welche Rolle spielt der Lehrer? Sebastian: Also der Lehrer steht schon viel mehr als hier vor der Klasse und redet. Die Schüler werden eigentlich nicht viel einbezogen. Es gibt auch keine Noten für mündliche Beteiligung. Ist das nicht eher langweilig? Björn: Absolut nicht. Man ist viel mehr mit Zuhören beschäftigt. Hier bei uns sitzt man manchmal rum und es passiert nichts. Anke: Man schreibt auch wesentlich mehr mit. Dadurch geht die Stunde schneller rum. Sebastian: Na ja, vielleicht haben wir das auch nur so empfunden, weil es für uns ja eine fremde Sprache gewesen ist. Anke: Ich denke, man ist dort als Schüler mehr auf sich gestellt, aber wenn man etwas nicht verstanden hat, kann man eher zum Lehrer gehen als bei uns. Hier muss man darauf hoffen, dass es einem ein Klassenkamerad noch mal erklärt. Björn: Ja, in den kurzen Pausen bei uns haben die Lehrer gar keine Zeit, sich noch mal mit einem hinzusetzen. An meiner kanadischen Schule hatten wir eine Stunde Mittagspause, da konnte man die Lehrer ansprechen. Da hat auch jeder Lehrer seinen eigenen Klassenraum mit einem Schreibtisch gehabt. Die Schüler ziehen da von Raum zu Raum und nicht die Lehrer wie bei uns. Sebastian: Außerdem gibt es regelmäßige Lehrersprechstunden. Anke: Ein Nachteil ist allerdings, dass man sich die Bücher selbst kaufen muss. Das Bio-Buch, das ich brauchte, hat mehr als 100 Mark gekostet. Gut gepflegte Schulbücher kann man aber wieder an Secondhand-Läden verkaufen. Björn: Dafür sind die Bücher dann aber auch immer neu. Wir haben bei uns ja zum Teil Atlanten, da ist noch die DDR drin. Also hat euch das gute Abschneiden der kanadischen Schüler beim Leistungstest Pisa nicht überrascht. Sebastian: Doch, eigentlich schon. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir die Schüler dort so weit überlegen sind. Obwohl viele älter waren als ich, bin ich in den Stunden gut mitgekommen. Aber vielleicht hat das auch daran gelegen, dass sie uns als Gastschüler in leichte Kurse gesteckt haben. Was sollte denn bei uns besser gemacht werden? Björn: Ich denke, man könnte einiges vom Stoff weglassen. Klar muss man wissen, was die Weimarer Republik war, aber man muss doch nicht genau durchkauen, wer damals wem welchen Brief geschrieben hat. Das vergisst man doch sowieso wieder. Sebastian: Es wäre auch besser, wenn man sich früher spezialisieren könnte . . . Anke: Und es müssten in jedem Fach unterschiedlich schwere Kurse angeboten werden. Wer will, kann dann ja einen Kursus wählen, wo etwas vertieft besprochen wird. Aber vielleicht schneiden die kanadischen Schüler ja auch besser ab, weil da erheblich mehr Druck hinter ist. Viele Schulen kosten dort nämlich etwas. Berliner Morgenpost, vom: 16.12.2001
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